Was verbindet Tropenschutz, aktuelle Sommerreifentests und einen Gummi-Professor?

Die Forschung an neuen und umweltschonenden Autoreifen.

Naturkautschuk ist für Lkw-Reifen und Winterreifen für Pkw unerlässlich. Um die Ressource sowie die Umwelt zu schonen, wird nach alternativen Rohstoffen geforscht. “Es gibt auch andere Pflanzen, die für Reifen nutzbaren Naturkautschuk produzieren”, sagt Dirk Prüfer, Leiter des Instituts für Biologie und Biotechnologie der Pflanzen an der Universität Münster. Die weiße Pflanzenmilch im Löwenzahn zum Beispiel – sie enthält Kautschuk. Auf Basis der wissenschaftlichen Arbeiten hat der Reifenhersteller Continental bereits einen Fahrradreifen aus Löwenzahn-Kautschuk auf den Markt gebracht. Auch Autoreifen seien schon getestet worden und sind qualitativ so hochwertig wie aktuell auf dem Markt vorhandene Reifen. „Schon bei den ersten Experimenten zeigte sich, dass der Kautschuk so gut ist wie vom Kautschukbaum“, sagt Prüfer. Inzwischen sei der Löwenzahn züchterisch so optimiert worden, dass der Gehalt an Inhaltsstoffen stabil ist. Ziel seien größere Wurzeln und ein Ertrag von einer Tonne Kautschuk pro Hektar. Das entspräche dem Ertrag auf tropischen Kautschukplantagen.

Forschung und Entwicklung

 

Durch wesentlich kürzere Entfernungen zwischen Anbaugebiet und Forschungseinrichtung in Anklam, Mecklenburg-Vorpommern, sowie den europäischen Reifenwerken von Continental, kann der Aufwand für Logistik und Transport reduziert und Ressourcen nachhaltiger verwendet werden. An dem Projekt haben Wissenschaftler der Universität Münster und des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie IME, das Julius-Kühn-Institut Quedlinburg und Continental sowie Pflanzenzüchter jahrelang gearbeitet.

Die Standortwahl für das Versuchslabor „Taraxagum Lab“, nach dem lateinischen Namen Taraxacum für Löwenzahn, traf zufällig auf Anklam. Alles Weitere ergab sich: Geeignete Böden und große Flächen in der Umgebung, Landwirte, die zum Anbau des „Unkrauts“ bereit waren, sowie Erfahrungen der Stadt mit der Verarbeitung von Zuckerrüben. In Anklam produziert die einzige Zuckerfabrik Mecklenburg-Vorpommerns. Sorgen, dass der Löwenzahn sich in der Region jetzt überall verbreitet, gebe es in der Bevölkerung nicht. Geerntet werden die Wurzeln vorläufig mit einer Möhrenerntemaschine.

Das erste Muster eines Winterreifens mit einem Laufstreifen aus reinem Löwenzahnkautschuk kam laut der Continental schon 2014 auf die Straße. 2016 folgte der erste Lkw-Reifen mit einem Laufstreifen aus dem sogenannten Taraxagum-Kautschuk. Bisher ist der Fahrradreifen Urban Taraxagum von Continental der erste in Serie gefertigte Reifen aus Löwenzahn-Kautschuk, für den der Markenname Taraxagum™ eingeführt wurde.

Im Februar 2020 informierte der dpa-Newskanal über weitere Forschungsarbeiten im Bereich von Autoreifen: Erstmals an einer deutschen Universität wurde in Dresden eine Professur für elastomere Werkstoffe (= Gummi) eingerichtet. Die Berufung erhielt der 43 Jahre alte Sven Wießner. Ein Ziel der Arbeit des Professors bestehe darin, den Abrieb bei diesem Werkstoff zu minimieren.

“Der Ausstoß von Mikroplastik in unsere Umwelt ist dramatisch. Mit meiner Forschung möchte ich die Emissionen, die durch Autoreifen entstehen, eindämmen. Dafür muss der Werkstoff stabiler werden”, erklärte Wießner. Laut Universität entstehen jedes Jahr europaweit rund 500 000 Tonnen Reifenabrieb, davon etwa 110 000 Tonnen in Deutschland. Das mache knapp die Hälfte der einheimischen Mikroplastik-Emissionen aus. Auch die Entwicklung intelligenter Reifengummis, „smart rubber“, die ihren erforderlichen Austausch selbst mitteilen, sei ein Lösungsansatz.

 

Quellen:

Westfälische Nachrichten

Continental

Süddeutsche Zeitung

 

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